Muss man wissen

Macht Kaffee süchtig? Eine Selbstexperiment

Als 6-Jähriger hat man mir schwarzen Kaffee zum probieren gegeben. Er schmeckte damals so widerwärtig, dass ich für den Rest meines Lebens nie zum Kaffeetrinker wurde. Ich bin jetzt 43 Jahre alt. 

Was mir auffiel war, dass viel meiner Mitmenschen Symptome eines Süchtigen aufwiesen, wenn es um den „geliebten“ Kaffee ging. Ständig hörte ich, dass jemand jetzt unbedingt einen Kaffee braucht. Oder dass er ohne Kaffee nicht funktionsfähig sei oder ihm das morgendliche Aufwachen, ohne Kaffee nicht so leicht fiel.

Die große Auswahl an Kaffee im Supermarkt, die vielen Cafés (Coffee-Shops)  oder die vielen Kaffeautomaten waren mir auch suspekt. Das alles sprach dafür, dass das Produkt Kaffee etwas mehr zu bieten hat, als andere Nahrungs- und Genussmittel.

Ich wollte aber nicht weiter spekulieren,  inwieweit Kaffee süchtig macht, sondern wollte es genauer wissen. Ich machte einen Selbstversuch, indem ich mich zwang 2 Monate lang täglich 1-2 Tassen zu trinken. Vor kurzem endete das Experiment.

Und das habe ich festgestellt:

  1. Der Kaffee schmeckte mir von Woche zur Woche besser. Anfangs schmeckte er eher abstoßend. Diese Erfahrung machte ich auch mit Zigaretten. Ich war 7 Jahre lang zigarettensüchtig. 
  2. Schon gleich zu Anfang machte ich die Erfahrung, dass ich mich morgens viel abgeschlagener fühlte. Erst der Kaffee weckte mich auf. Diese morgendliche Mattheit kannte ich vorher überhaupt nicht, außer vielleicht nach einer Nacht, wo viel Alkohol floss.  Von einem Heroinsüchtigen kenne ich die Aussage, dass man sich mit jedem Schuss eigentlich eher wieder normal fühlen möchte. Vielleicht ist dieser Effekt auch beim Kaffee so. Der Kaffee verursacht (auch wenn nur in Abwesenheit) eine ausgelaugtes Gefühl und wenn man dann Kaffee trinkt, ist alles wieder in Ordnung.
  3. An vielen Morgenden, als ich halb schlafend im Bett lag, dachte ich bereits an den Kaffee. Das empfand ich als überaus seltsam, da ich morgens eher an nichts denke und vor allem nicht an ein bestimmtes Genussmittel. Selbst in meiner Zeit als Zigarettensüchtiger kannte ich diese Fixierung nicht. 
  4. Ich hatte leichte Glücksmomente schon beim Zubereiten des Kaffees.
  5. Manchmal roch ich nur an dem frisch gemahlenem Kaffee und empfand den Geruch als etwas, dass ich immer wieder riechen möchte. 
  6.  Mein Körper reagierte nicht so gut auf den Kaffee. Ich bekam häufiger Durchfall. Eventuell wollte der Körper den Kaffee wieder abstoßen. Jede Droge ist im Grunde Gift.

Das Absetzten des Kaffees habe ich leicht hinbekommen. Besondere Entzugserscheinungen habe ich nicht bemerkt. Gerne hätte ich wieder Kaffee getrunken, aber darüber hinaus habe ich nichts feststellen können. Anders war das bei den Zigaretten. Hier hatte ich schwer zu kämpfen. Es war ein Qual sich von den Zigaretten zu lösen. 

Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich eine richtige Sucht beim Kaffee nicht festgestellt habe.

Es gab sehr leichte Abhängigkeits-Anzeichen, aber das war es auch schon. Ich glaube jedoch, dass wenn ich über viele Jahre hinweg, Kaffee konsumiert hätte, ich mehr zu kämpfen hätte. Auch ist zu erwähnen, dass bei dem einen oder anderen, der Push, um sich wacher zu fühlen, bestimmt eine Abhängigkeit erzeugen kann; vor allem, wenn man das Kaffeetrinken ritualisiert hat, und man sich ohne diesen Push müde fühlt.